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DIE TIERBEFREIUNG WIRD DREISSIG – Peter Singer

1.

Der Ausdruck „Befreiung der Tiere“ erschien erstmals am 5.April 1973 in den Medien, und zwar als Titel eines Artikels in der NEW YORK REVIEW OF BOOKS.
Unter diesem Titel rezensierte ich das Buch „Animals, Men and Morals“, eine Sammlung von Essays über die Behandlung von Tieren durch den Menschen, die von Stanley und Rosalind Godlovitch und John Harris herausgegeben worden war.
Der Artikel begann folgendermaßen:

„Wir kennen die Befreiungsbewegung der Farbigen, der Homosexuellen und diverse andere Befreiungsbewegungen. Im Fall der Emanzipationsbewegung der Frauen dachten viele, daß ein Ende dieser Bewegungen erreicht wäre. Sexuelle Diskriminierung – so wurde oft behauptet – ist die letzte Art von Diskriminierung, die allgemein und ohne Scham sogar von jenen liberalen Kreisen geübt wird, die rassistische Diskriminierung bereits überwunden haben.
Aber man sollte immer vorsichtig sein, wenn von „der letzten übrig gebliebenen Form von Diskriminierung“ gesprochen wird.“

In der folgenden Buchbesprechung wies ich darauf hin, daß trotz offensichtlicher Unterschiede zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren, wir mit diesen Lebewesen die Fähigkeit zu leiden gemein haben, was bedeutet, daß sie – genau wie wir – auch Lebensinteressen haben. Wenn wir diese Interessen nur deswegen ignorieren, weil diese Wesen nicht zu unserer Spezies gehören, dann fügt sich unsere Haltung nahtlos an diejenige der schlimmsten Rassisten und Sexisten, die meinen, daß die Angehörigen ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts nur deswegen einen höheren moralischen Status haben, weil sie eben diese Hautfarbe und Geschlecht mit ihnen teilen, ungeachtet irgendwelcher anderer Charakteristika oder Eigenschaften.
Obwohl die meisten Menschen vielleicht den Tieren überlegene intellektuelle Fähigkeiten haben, rechtfertigt dieser Unterschied in keiner Weise die Trennungslinie, die wir zwischen Mensch und Tier ziehen. Manche Menschen – etwa Kleinkinder und geistig Kranke – haben intellektuelle Fähigkeiten die weit unter jenen von manchen Tieren anzusetzen sind, aber wir wären mit Recht tief schockiert, würde jemand vorschlagen, diese intellektuell weniger leistungsfähigen Menschen langsam und qualvoll umzubringen, um beispielsweise die Ungefährlichkeit von Haushaltsreinigern zu testen. Genauso wenig könnten wir es akzeptieren, daß diese Menschen in kleine Käfige gesperrt würden, um sie später zu schlachten und sie zu essen. Die Tatsache, daß wir bereit sind nicht-menschlichen Tieren all das anzutun, ist also ein Zeichen von „Speziesismus“ – ein Vorurteil, daß nur deswegen überlebt, weil es für die dominierende Gruppe von Vorteil ist – im konkreten Fall nicht Menschen weißer Hautfarbe oder männlichen Geschlechts, sondern allen Menschen.

Dieser Artikel und das daraus resultierende Buch, das ebenfalls von der NEW YORK REVIEW veröffentlicht wurde, wird oft als der Beginn der modernen TIERRECHTSBEWEGUNG genannt, obwohl die ethischen Grundlagen der Bewegung nicht auf Rechte Bezug nehmen müssen. Deshalb ist der dreißigste Jahrestag dieses Artikels ein guter Moment für eine Bestandsaufnahme der aktuellen Debatte über den moralischen Status von Tieren und darüber, ob die Bewegung es geschafft hat, das Los der Tiere in ihrer Behandlung durch den Menschen tatsächlich zu verbessern.

2.

Der auffälligste Unterschied zwischen der heutigen Debatte und derjenigen vor dreißig Jahren liegt darin, daß, so unfaßlich es heute scheinen mag, in den frühen 70er Jahren praktisch niemand der Meinung war, daß die Behandlung von Tieren in irgendeiner Weise von moralischer Relevanz ist. Es gab einfach keine TIERRECHTS- oder TIERBEFREIUNGS Bewegungen. Tierschutz war nur für Hunde- und Katzenliebhaber ein Thema, nicht für Menschen die „Wichtigeres“ zu tun hatten (deshalb hatte ich den Herausgebern der NEW YORK REVIEW auch vorgeschlagen, ANIMALS, MEN AND MORALS zu rezensieren, obwohl das Buch bei seiner Veröffentlichung in England weitgehend unbeachtet geblieben war.)
Heute stellt sich die Situation anders dar. Themen, die mit der Art unserer Behandlung von Tieren zu tun haben, sind häufig in den Nachrichten. In so gut wie allen industrialisierten Ländern gibt es TIERRECHTSGRUPPEN. Die amerikanische Organisation PETA (People for the ethical Treatment of Animals) hat 750.000 Mitglieder und Unterstützer. Eine lebhafte intellektuelle Diskussion über die Thematik ist im Gange. (Die Bibliographie der Veröffentlichungen über den moralischen Status von Tieren in den ersten 1970 Jahren christlicher Zeitrechnung zeigt 94 Werke, und weitere 240 Werke zwischen 1970 und 1988. Heute gibt es mehrere tausend Veröffentlichungen.) Die Diskussion ist auch nicht nur auf den Westen beschränkt, bedeutende Schriften über Tiere und Ethik wurden auch in andere Sprachen übersetzt, wie japanisch, chinesisch und koreanisch.
Zum Verständnis der Debatte gilt es zwei Aspekte zu unterscheiden:
Erstens: Kann Speziesismus – die Idee, daß Lebewesen nur deshalb eine bevorzugte Behandlung verdienen, weil sie zu der Spezies Homo Sapiens gehören – verteidigt werden? Und zweitens, falls Speziesismus NICHT verteidigt werden kann, gibt es andere menschliche Eigenschaften, die es rechtfertigen, menschlichen Belangen unvergleichbar höhere moralische Wichtigkeit zu zuordnen, als Nichtmenschlichen?
Die Ansicht, daß Spezieszugehörigkeit selbst Grund genug ist für eine höhere moralische Wichtigkeit mancher Wesen, wird verbreitet angenommen, aber selten rechtfertigt. Manche Versuche Speziesismus zu verteidigen, stellen sich bei näherem Hinsehen als zustimmende Argumente für die zweite der beiden erwähnten Fragen heraus, nämlich dafür, daß es moralisch relevante Unterschiede zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen gibt, die uns dazu berechtigen menschlichen Interessen eine höhere Wichtigkeit einzuräumen. Einem einzigen Argument bin ich bisher begegnet, das wie eine echte Verteidigung von Speziesismus klingt, und zwar die Behauptung, daß genauso wie Eltern eine höhere Verpflichtung haben für ihre eigenen Kinder zu sorgen, als für fremde Kinder, so haben auch wir Menschen eine spezielle Verpflichtung gegenüber anderen Mitgliedern unserer Spezies, mehr, als gegenüber Vertretern anderer Spezies.
Befürworter dieses Arguments übergehen üblicherweise nonchalant einen markanten Fall, der zwischen Familie und Spezies liegt. Lewis Petrinovich, emeritierter Professor an der Riverside Universität von Kalifornien und eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet von Ornithologie und Evolutionstheorie erklärt, daß unsere Biologie gewisse Grenzen zu „moralischen Imperativen“ macht – und führt danach an: Kinder, Freunde, Nachbarn und Spezies. Wenn dieses Argument sowohl für den engen Kreis der Familie und Freunde als auch für den erweiterten Kreis der Spezies gilt, so sollte es ebenso für den „Mittelfall“ der „Rasse“ gültig sein. Ein Argument dafür, die Interessen von Angehörigen unserer Hautfarbe höher zu bewerten, als von denjenigen anderer Hautfarben, klingt allerdings schon deutlich weniger überzeugend, als dasjenige, welches die Priorität an Familie, Nachbarschaft und Spezies Zugehörigkeit knüpft. Umgekehrt aber, wenn das Argument dafür, Rassenzugehörigkeit als moralische Größe zu akzeptieren, nicht akzeptabel ist, wie kann es dann das Argument der Spezieszugehörigkeit sein?

Der verstorbenen Harvard Philosoph Robert Nozick meinte, daß wir das Fehlen einer glaubwürdigen Theorie über die moralische Wichtigkeit von Spezieszugehörigkeit nicht überbewerten sollten. „Niemand“, so schreibt er, „hat sich bisher die Zeit genommen, so eine Theorie zu formulieren, weil bisher die Wichtigkeit dafür nicht gegeben war“. Nun sind allerdings 20 Jahre vergangen, seit Nozick diese Worte schrieb, und viele Menschen haben in diesen Jahren eine Menge Zeit damit zugebracht, die Wichtigkeit von Spezieszugehörigkeit philosophisch konsistent zu rechtfertigen. Somit klingt Nozicks Bemerkung heute schon anders. Die Tatsache, daß trotz intensiven Bemühens bis heute keine plausible Theorie über die moralische Wichtigkeit von Spezieszugehörigkeit erstellt werden konnte deutet mit immer größer werdender Wahrscheinlichkeit darauf hin, daß so eine Theorie nicht haltbar ist.

Damit kommen wir zu der zweiten Frage: Wenn Spezieszugehörigkeit selbst keine moralische Wichtigkeit hat, gibt es dann einen anderen Punkt, der zufällig nur auf die Spezies Homo Sapiens zutrifft und der die Minderbewertung von nichtmenschlichen Lebewesen rechtfertigt?
Nach Peter Carruthers Meinung ist dieser entscheidende Punkt die den meisten Tieren fehlende Fähigkeit zu reziprokem Handeln, die fehlende Kontraktfähigkeit. Ethik, so meint er, entspringt einem impliziten Verständnis, daß wenn ich Dir keinen Schaden zufüge, so fügst auch Du Mir keinen zu. Nachdem Tiere diese Art von Vertrag nicht eingehen können, haben wir auch keine direkte Verpflichtung ihnen gegenüber. Das Problem dieser Definition von Ethik liegt darin, daß wir danach auch keinerlei Verpflichtung gegenüber kleinen Kindern oder künftigen, ungeborenen, Generationen haben. Wenn wir radioaktiven Abfall produzieren, der noch für Tausende Jahre strahlt, ist es dann unethisch diesen Abfall in einen Container mit einer maximal 150 jährigen Lebensdauer zu stecken und in einen See zu werfen? Falls ja, dann kann Ethik nicht nur auf reziprokem Handeln beruhen.
Anhand diverser anderer Eigenschaften wurde versucht, die moralische Sonderstellung des Menschen zu rechtfertigen: Vernunft, Selbstbewußtsein, Gerechtigkeitsempfinden, Sprache, Autonomie usw. Die Schwierigkeit von all diesen Ansätzen ist, wie oben bereits gezeigt, daß zahlreiche Menschen diese Eigenschaften auch nicht besitzen, aber niemand sie deswegen in die moralische Kategorie nichtmenschlicher Tiere einordnen möchte.

Dieses Argument läuft üblicherweise unter der eher profanen Bezeichnung „argument from marginal cases“ und hat seinerseits eine Vielzahl von Veröffentlichungen hervorgerufen. Der Versuch des englischen Philosophen und konservativen Leitartiklers Roger Scruton dazu Stellung zu nehmen zeigt die Stärken, wie auch die Schwächen dieses Arguments. Scruton ist sich bewußt, daß die Akzeptanz der herrschenden moralischen Auffassung, nach welcher ALLE Menschen, unabhängig von ihrem kognitiven Niveau, die gleichen Rechte haben, und die Tatsache, daß manche Tiere genauso rational, bewußtseinsfähig und autonom sind wie manche Menschen, eine logische Basis für das Argument ist, daß auch Tiere diese Grundrechte besitzen sollten. Er weist aber darauf hin, daß diese akzeptierte moralische Regel nicht der tatsächlich herrschenden Auffassung entspricht, weil wir das Töten einer Person, die auf den Status eines „menschlichen Gemüses“ reduziert ist, gemeinhin als entschuldbar betrachten. Wenn menschliche Geschöpfe mit schwersten geistigen Behinderungen nicht das gleiche Recht auf Leben haben wie normale Menschen, dann ist es nicht inkonsistent, dieses Recht auch nichtmenschlichen Wesen zu verweigern.
Mit seiner Verwendung des Begriffes „menschliches Gemüse“ macht Scruton sich die Sache allerdings zu leicht, weil dieser Ausdruck bezeichnet ein Lebewesen, das nicht einmal Bewußtsein, und deshalb auch keine schützenswerten Interessen hat. Seine Argumentation wäre deutlich problematischer, würde er für seinen Vergleich einen Menschen hernehmen, der mit seinem Bewußtsein und seiner Lernfähigkeit zum Beispiel einem Fuchs vergleichbar wäre, dessen fortgesetzte Jagdbarkeit Scruton fordert. Das „argument from marginal cases“ ist aber nicht nur für die Frage relevant, welche Lebewesen es vertretbar ist zu töten. Abgesehen von der Tötung nichtmenschlicher Lebewesen verursachen wir diesen auch auf andere Art schwerstes Leiden. Die Vertreter des Status Quo im Bezug auf die Behandlung von Tieren schulden uns folglich eine Erklärung dafür, warum sie bereit sind, Tiere auf eine Art leiden zu lassen, wie sie es bei keinem Menschen mit vergleichbaren geistigen Fähigkeiten zuließen. (Scruton, daß muß man ihm lassen, verurteilt die moderne Intensivtierhaltung, er sagt: „die Moral des Tierschutzes sollte davon ausgehen, daß diese Art der Behandlung verurteilenswert ist“)
Tatsächlich ist Scruton in seiner Differenzierung in der Behandlung von normalen Menschen und „menschlichem Gemüse“ aber halbherzig. Er verwischt seinen Standpunkt, mit der Behauptung, daß „die Anerkennung der Heiligkeit des Lebens Teil der menschlichen Tugend“ sei. Weiters führt er aus, nachdem unter normalen Umständen Menschen Teil einer moralischen Gemeinschaft wären, könne selbst schwere Behinderung die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft nicht aufheben. Obwohl Menschen mit schwerster geistiger Behinderung uns gegenüber eigentlich nicht die gleichen Ansprüche haben, so täte man doch gut daran, sagt Scruton, sie so zu behandeln als ob sie diese Ansprüche hätten. Aber ist dieser Standpunkt haltbar? Wenn ein Lebewesen, ganz gleich ob menschlich, oder nichtmenschlich, Schmerz und Angst fühlen kann, oder umgekehrt Lebensfreude spüren kann, dann sollten wir seine Interessen doch genauso wahrnehmen wie ähnliche Interessen normaler Menschen die unter keiner Behinderung leiden. Zu behaupten, daß Spezies alleine als notwendige Bedingung ausreicht, damit sowohl der einzelne Teil der moralischen Gemeinschaft wird, als auch für die Anerkennung der Grundrechte ALLER Mitglieder dieser Gemeinschaft, braucht eine zusätzliche Begründung. Womit wir wieder zur Kernfrage zurück kehren: Ist es gerechtfertigt, daß ALLE menschlichen Wesen und NUR menschliche Wesen durch Grundrechte geschützt werden, wenn doch manche nichtmenschlichen Wesen höhere kognitiven Fähigkeiten und ein reicheres emotionales Leben haben als manche Menschlichen?
Ein bekanntes Argument dafür, diese Frage mit „ja“ zu beantworten besteht in der behaupteten Notwendigkeit, um unsere moralische Gemeinschaft eine klar definierte Grenze ziehen zu können, andernfalls würden wir einen gefährlichen, sogenannten „slippery slope“ betreten. Wir könnten beispielsweise beginnen, indem wir Scrutons „menschlichen Gemüse“ Grundrechte entziehen, also denjenigen Personen die unwiderruflich komatös sind; dann könnten wir aber schrittweise das gleiche auch bei anderen Gruppen machen, bei geistig Behinderten, oder auch nur leicht Gestörten, bzw. bei denjenigen Personen, deren Pflege Familie oder Gesellschaft zur Last fällt, bis wir letztendlich uns in einer Situation befänden, die wir niemals akzeptiert hätten, wären wir uns von Anfang an bewußt gewesen, wohin es führt, unwiderruflich komatösen Personen das Lebensrecht abzusprechen. Dieses ist eines von vielen Argumenten, die von der italienischen Tierrechts Publizistin Paola Cavalieri in ihrem Buch kritisch beleuchtet werden. Das Buch, „Die Frage nach den Tieren. Für eine erweiterte Theorie der Menschenrechte“, ist einer der seltenen Kontinental-Europäischen Beiträge zu der sonst weitgehend englisch sprachigen Diskussion. Cavalieri zeigt, wie erfolgreich zum Beispiel Sklaven haltende Gesellschaften eine trennende Linie zwischen Menschen mit Rechten und Rechtlosen ziehen konnten.

Die Tatsache, daß Sklaven Menschen waren, wurde sowohl im antiken Griechenland, als auch in den Sklaven haltenden amerikanischen Staaten erkannt – Aristoteles sagt deutlich, daß Barbaren Menschen wären, deren Zweck darin bestünde dem Wohlergehen der rationalen Griechen zu dienen und Weiße in den Südstaaten wollten die Seelen der Sklaven retten, indem sie sie zu Christen machten. Trotzdem kam es nicht zu einer signifikanten Verwischung der Trennlinie zwischen Sklaven und freien Menschen, nicht einmal als manche „Barbaren“ und manche Afrikaner freie Menschen wurden, oder wenn Sklavinnen Kinder gemischter Herkunft gebaren. Deshalb, so argumentiert Cavalieri, gibt es keinerlei Grund an unserer Fähigkeit zu zweifeln, manchen Menschen Grundrechte zu entziehen, aber dabei diejenigen der großen Mehrheit unangetastet zu lassen; wobei Cavalieri in keinem Moment behauptet, daß dies wünschenswert wäre. Vielmehr versucht sie das Argument zu entkräften, die Trennung der Rechtsgemeinschaft so zu ziehen, daß ausschließlich menschliche Wesen drinnen Platz haben.
Cavalieri entkräftet auch das Argument, daß ALLE menschlichen Wesen, inklusive der unwiderruflich komatösen, auf Grund der Eigenschaften die sie „normalerweise“ haben, über alle anderen Wesen gesetzt werden sollen, ungeachtet der Eigenschaften die sie „tatsächlich“ besitzen. Dieses Argument scheint darauf zu beruhen, daß es ungerecht schiene, gegen die Personen zu diskriminieren, die zufälligerweise nicht die qualifizierenden Eigenschaften aufweisen. Cavalieri entgegnet, daß wenn man die Zufälligkeit rein statistisch sieht, sie keine moralische Relevanz hat, und wenn es darum geht zu zeigen, daß ein Fehlen der qualifizierenden Eigenschaften nicht die „Schuld“ der Betroffenen ist, so gilt das im gleichen Ausmaß für nichtmenschliche Wesen.
Ihre eigene Position definiert Cavalieri mit dem Begriff der Rechte, insbesondere der Grundrechte, die sie nach Ronald Dworkin das „egalitäre Plateau“ nennt. Das Ziel, nach ihrer Auffassung, ist es, eine elementare Form der Gleichheit für alle Menschen zu sichern, inklusive der „nicht-paradigmatischen“ (so nennt sie die „marginal cases“). Wenn unser egalitäres Plateau eine verläßliche, nicht willkürliche Verteidigungslinie haben soll, die gewährleistet, daß kein menschliches Wesen hinunter gestoßen wird, dann müssen wir für die Grenzziehung Kriterien als Standard verwenden, die auch eine erhebliche Anzahl von nichtmenschlichen Wesen inkludiert. Das bedeutet, wir müssen auf unserem egalitären Plateau alle Lebewesen akzeptieren, deren kognitive und emotionale Fähigkeiten zumindest auf einer Ebene mit Vögeln und Säugetieren sind.
Cavalieri behauptet nicht, daß die Rechte von Vögeln und Säugetieren von unfehlbaren logischen Prämissen abgeleitet werden können. Ihr Ansatz ist vielmehr der gesellschaftliche Konsens zu Menschenrechten. Sie zeigt, daß jeder, der Menschenrechte akzeptiert, ähnliche Rechte auch für Lebewesen anderer Spezies akzeptieren muß. Wie auch Dworkin ist Cavalieri überzeugt, daß Menschenrechte das politische Fundament jeder reifen Gesellschaft sind. Sie limitieren die Gewalt des Staates. Vor allem Sklaverei, und andere widerwärtige Formen von Diskriminierung, die sich auf die Verletzung von Grundrechten staatlicher Subjekte stützen, werden durch sie alleine bereits Unrecht. Unsere Akzeptanz der Idee von Menschenrechten verlangt nach der Abschaffung aller Praktiken, die regelmäßig die Interessen von Rechtssubjekten verletzen. Wenn Cavalieri‘s Argument also stichhaltig ist, dann verpflichtet uns unsere Überzeugung von Grundrechten eben diese Grundrechte über die Spezies Homo Sapiens hinaus anzuwenden, und dies wiederum verpflichtet uns, alle Praktiken abzuschaffen, welche die Grundrechte nichtmenschlicher Träger von Rechten verletzen, wie zum Beispiel Intensivtierhaltung oder schmerzhafte oder tödliche Tierversuche. Das Konzept der Grundrechte, das Cavalieri vertritt, beansprucht allerdings nicht, jeden Interessenskonflikt lösen zu können. Ihre Auffassung von Rechten als Teil des Fundaments einer reifen Gesellschaft verträgt sich auch mit bestimmten Beschneidungen von Rechten, wie zum Beispiel im Fall von „Typhus Mary“, die auf Grund ihrer tödlichen Krankheit in Zwangsquarantäne gesetzt wurde. Eine Regierung hat zwar das Recht, Mensch und Tier in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken, wenn sie eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen,
sie muß sie aber trotzdem mit dem Respekt und der Achtung und behandeln, der ihnen als Träger von Grundrechten zusteht.

Meine eigene Ablehnung von Speziesismus gründet sich, wie bereits gesagt, nicht auf Rechten, sondern auf der Meinung, daß eine Zugehörigkeit zu verschiedenen Spezies kein ethisch vertretbarer Grund ist, um den Interessen eines fühlenden Lebewesens weniger Gewicht zuzuordnen, als denjenigen eines Angehörigen unserer eigenen Spezies. In seinem Buch „Taking Animals Seriously“ verteidigt David DeGrazia auf überzeugende Art den Anspruch aller fühlender Lebewesen auf Berücksichtigung ihre Interessen. Dieser Ansatz ist nicht abhängig von der Akzeptanz von Menschenrechten, schließlich könnte jemand diese ja auch ablehnen, vor allem wenn Konsequenzen daraus gezogen werden, wie sie Cavalieri aus ihnen zieht. Während also das Argument für die gleiche Berücksichtigung von Interessen ein solideres philosophisches Fundament hat als dasjenige Cavalieris’s, so geht es hier aber um Interessen, und nicht um Rechte, was wieder neue Aspekte mit sich bringt. Wir müssen uns darüber im klaren werden, was Interessen unter zahllosen verschiedenen möglichen Umständen wirklich bedeutet.
Um nur eine der ethisch wohl bedeutsamsten Fragen zu nennen: das Interesse eines Lebewesens sein Leben fortzusetzen – und, im Umkehrschluß des Interessens Arguments, die Unvertretbarkeit der Tötung dieses Lebewesens – hängt zumindest teilweise davon ab, ob dieses Lebewesen sich seiner Existenz über einen Zeitraum bewußt ist, ob es fähig ist zukunftsorientierte Wünsche zu haben, aus denen ein Interesse an der Fortsetzung seines Lebens resultiert. In dieser Hinsicht muß man Roger Scruton bezüglich unserer Einstellung zum Tod von Angehörigen unserer Spezies die diese Bedingungen nicht erfüllen, recht geben. Für uns wiegt dieser Fall weniger schwer als der Tod einer Person, die zukunftsorientiert ist, und deren mittel- und langfristigen Wünsche unerfüllt bleiben wenn sie stirbt. Aber auch das ist keine gültige Verteidigung für Speziesismus, weil man daraus nur schließen kann, daß der Tod eines bewußten Geschöpfes, wie etwa eines Schimpansen, für dieses Geschöpf einen größeren Verlust darstellt, als der Tod eines menschlichen Wesens, dessen kognitive Fähigkeiten so gering sind, daß ein zukunftsorientiertes Wunschdenken unmöglich ist.
Es gilt nun zu fragen, welche anderen Lebewesen dieses Interesse an einer Fortführung ihres Lebens in die Zukunft haben. Um diese Fragen bezüglich verschiedener Spezies zu beantworten, verbindet De Grazia philosophische Analyse mit wissenschaftlichen Studien; trotzdem bleiben immer wieder Zweifel und die notwendigen Formeln um das Prinzip gleicher Berücksichtigung anzuwenden, können bestenfalls grobe Annäherungen sein. Vielleicht ist das aber schlichtweg Ausdruck unserer ethischen Situation, und die auf dem Rechtsprinzip gründenden Anschauungen vermeiden solche Berechnungen nur unter Auslassung eines wichtigen Bausteines ihrer ethischen Theorie.

Die jüngste Bereicherung der Tierrechts Literatur kommt von einer sehr überraschenden Seite; einer Seite, die jede Überlegung hinsichtlich der Tötung menschlicher Lebewesen rigoros ablehnt, ganz gleich wie geschädigt sie auch wären. Matthew Scully, konservativer christlicher Überzeugung, früherer Herausgeber der NATIONAL REVIEW und nun einer der Redenschreiber von Präsident Bush hat mit „DOMINION, THE POWER OF MAN, THE SUFFERING OF ANIMALS AND THE CALL TO MERCY“ eine beherzte Attacke gegen den menschlichen Mißbrauch von Tieren geschrieben, mit einer erschütternden Beschreibung der Intensivtierhaltung.
Nachdem die Tierrechtsbewegung in den vergangenen 30 Jahren üblicherweise mit der politischen Linken assoziiert wurde, ist es um so bemerkenswerter wie hier jemand aus dem Herzen der christlichen Rechten für die gleiche Ziele eintritt; die üblichen Bezugnahmen auf Gott, Interpretation der Heiligen Schrift, Kritik eines „moralischen Relativismus, egoistischen Materialismus, Permissivität im Mantel der Freiheit und Todeskult“ richten sich hier aber nicht gegen opferlose Verbrechen wie Homosexualität, oder assistierten Selbstmord, sondern gegen das willkürliche Leid in der Intensivtierhaltung und dem Schlachthof. Scully appelliert an uns, Mitleid mit den Tieren zu zeigen, und davon abzusehen, sie in einer Weise zu behandeln, die ihre Natur mißachtet. Das Resultat ist ein Werk, daß sich zwar nicht durch konsequente philosophische Argumentation auszeichnet, aber dafür eine Menge positive Beachtung in der konservativen Presse gefunden hat, die sich üblicherweise über Tierrechtsaktivisten nur lustig macht.

3.

Die Geschichte der modernen Tierrechtsbewegung ist ein deutliches Argument gegen alle Skeptiker, welche die Auswirkungen moralischer Argumente auf das reale Leben bezweifeln. Philosophen waren die Hebammen der Bewegung in den späten 70er Jahren. Die erste erfolgreiche Protestaktion gegen Tierexperimente in den USA war die Kampagne 1976- 1977 gegen die im New Yorker Naturwissenschaftlichen Museum durchgeführten Experimente zur Erforschung des Sexualverhaltens verstümmelter Katzen. Organisator und Motor der Kampagne war Henry Spira, ein ehemaliger Gewerkschafts- und Civil Rights Aktivist, der bis zu dem Zeitpunkt als er 1973 den Artikel in der NEW YORK REVIEW las, sich nie Gedanken darüber gemacht hatte, daß unter seine Bemühungen die Schwachen zu schützen, auch Tiere fallen könnten. In der Folge suchte Spira sich noch gewichtigere Themen, wie zum Beispiel die Testpraktiken von Kosmetika an Tieren. Seine Taktik bestand darin, ein prominentes Unternehmen zu suchen, das Tierversuche unternahm – im konkreten Fall war es REVLON – und sie mit (zuerst) sanftem Druck dazu zu drängen, Alternativen zu den Tierversuchen zu entwickeln. Mit seiner Dialogfähigkeit und Weigerung die Tierausbeuter als gemeine Sadisten zu bezeichnen war er bemerkenswert erfolgreich darin, die Entwicklung alternativer Testmethoden einzuleiten, oder zumindest die Anzahl der verwendeten Tiere drastisch zu reduzieren.
Zum Teil auf Grund seiner erfolgreichen Arbeit, reduzierte sich auch die Anzahl der in der Forschung verwendeten Tiere beachtlich. Nach englischen Statistiken werden heute nur mehr etwa die Hälfte der Tiere zu Experimenten verwendet wie in den 70er Jahren. Schätzungen für die USA, wo es keine vergleichbare Statistiken gibt, lassen ähnliche Zahlen vermuten.

Von der Warte einer nicht speziesistischen Ethik bleibt bezüglich Tierexperimenten noch immer viel zu tun, aber immerhin hat die Tierrechts Bewegung bewirkt, daß jedes Jahr Millionen weniger Tiere qualvolle Experimente und einen langsamen Tod erleiden müssen.
Die Tierrechtsbewegung hat noch andere Erfolge aufzuweisen. Trotz der von der Industrie herbei geredeten „Wiederkehr des Pelzes“ sind die Verkaufszahlen noch immer weit von den Ziffern der 80er Jahre entfernt, als die Anti-Pelz Kampagne der Tierrechtsbewegung begann.
Während die Zahl der Hunde und Katzen in Haushalten sich seit 1973 verdoppelt hat reduzierten sich die in Tierheimen getöteten herrenlosen Tiere um die Hälfte.

Diese bescheidenen Fortschritte werden aber durch das gigantische Anwachsen der Zahl an Tieren in Amerikas Tierfabriken in den Schatten gestellt, Tiere die oft in so engen Käfigen vor sich hin vegetieren müssen, daß sie nicht einmal ihre Glieder strecken oder sich zwei Schritte bewegen können. Hier liegt zweifellos die größte Quelle an von Menschen verursachtem Tierleid, einfach deswegen, weil die Anzahl der Tiere so immens hoch ist. Die Zahl der weltweit verwendeten Versuchstiere geht in die Dutzenden von Millionen, aber allein in Amerika wurden letztes Jahr 10 Milliarden Säugetiere und Vögel gezüchtet und getötet. Das Wachstum gegenüber dem Vorjahr ist mit 400 Millionen mehr als die Gesamtheit der in Tierheimen, in Labors und in Pelzfarmen getöteten Tiere. Die große Mehrheit dieser in Intensiv-Tierhaltung gezüchteten Tiere verbringen ihr gesamtes Leben hinter Mauern, ohne Sonnenschein, frische Luft oder Gras kennenzulernen, bevor sie von Lastwägen abgeholt, und ins Schlachthaus gebracht werden.
Bis vor kurzer Zeit war die Tierrechtsbewegung gegen die Zustände in Amerikas Tierfabriken noch ohnmächtig. Gail Eisnitz’s 1997 erschienenes Buch SLAUGHTERHOUSE enthält schockierende, gründlich recherchierte Berichte von großen Schlachthäusern in den USA wo Tiere bei Bewußtsein gehäutet und verstümmelt werden. Wären ähnliche Berichte in England publik geworden, es hätte einen öffentlichen Aufschrei gegeben und die Regierung wäre unter Handlungszwang gekommen. In Amerika hat das Buch außerhalb der Tierrechtsbewegung kaum Aufsehen erregt.
In Europa ist die Situation anders. Häufig haben Amerikaner auf europäische Nationen, vor allem Mittelmeerländer, herabgeblickt weil Tierquälerei dort immer wieder vorkommt. Nun dreht sich der anklagende Blick um 180 Grad. Sogar in Spanien, mit seiner Stierkampf Tradition sind die meisten Tiere besser gehalten als in den USA. Bis zum Jahr 2012 müssen europäische Eierproduzenten ihre Käfige mit Sitzstangen für die Hennen bestücken, mit Nistplätzen und mindestens 750 Quadratzentimeter Platz pro Henne; das sind dramatische Veränderungen der Lebensbedingungen für über 200 Millionen Hennen. Eierproduzenten in den USA haben noch nicht einmal begonnen über Sitzstangen und Nistplätze nachzudenken, normalerweise ist der Platz pro ausgewachsener Henne etwa die Größe eines halben A4 Bogens Briefpapier.
In den USA werden Kälber durch Lichtentzug bewußt blutarm gehalten, sie bekommen kein Stroh und werden in so engen Boxen gehalten, daß sie sich nicht einmal umdrehen können. Diese Haltungsbedingungen sind in England seit Jahren verboten und werden ab dem Jahr 2007 EU- weit verboten sein. Das Einsperren schwangerer Schweine in engen Einzelkäfigen während ihrer ganzen Schwangerschaft – in Amerika ein normaler Zustand – wurde in England im Jahre 1998 verboten und wird in der Europäischen Gemeinschaft schrittweise verboten. Diese Reformen haben in Europa verbreitete öffentliche Unterstützung und den Rückhalt führender Spezialisten von Schutzbestimmungen für Nutztiere. Hier zeigt sich ein positives Ergebnis der jahrelangen Arbeit von Tierschutz Aktivisten.

Sind Amerikaner schlichtweg gleichgültiger gegenüber Tierleid als Europäer? Mag sein, aber in seinem Buch POLITICAL ANIMALS: ANIMAL PROTECTION POLICIES IN BRITAIN AND THE USA untersucht Robert Garner verschiedene andere Erklärungen für den wachsenden Unterschied im Tierschutz Standard zwischen Ländern.
Im Vergleich mit England ist der politische Prozeß in den USA stärker von Korruption gekennzeichnet. Wahlen sind ein Vielfaches teurer – die Gesamtkosten der Wahlen in England 2001 waren geringer als die Summe, die John Corzine für einen einzelnen Senatssitz im Jahre 2000 ausgegeben hat. Durch die gewichtigere Rolle des Geldes, sind amerikanische Kandidaten ihren Spendern auch in höherem Ausmaß verpflichtet. Außerdem werden politische Spenden in Europa eher an Parteien geleistet, als an einzelne Politiker, womit auch eine größere Kontrolle und ein höherer Aufmerksamkeitsgrad der Öffentlichkeit für den Fall gegeben ist, daß eine Partei zu stark die Interessen einzelner Lobbies vertritt. Deshalb hat beispielsweise die Agrarwirtschaft einen deutlich stärkeren Einfluß auf den amerikanischen Kongreß, als das in Europa denkbar wäre.
Auf Grund dieser Situation waren die erfolgreichsten Kampagnen in Amerika auch solche, die sich wie Spira’s Offensive gegen Kosmetiktests an Tieren, auf einzelne Schlüsselunternehmen konzentriert haben, und nicht auf Regierung oder Legislative. Ein Hoffnungsschimmer kam kürzlich von gänzlich unerwarteter Seite. Nach langwierigen Verhandlungen, die kurz vor seinem Tod von Henry Spira begonnen, und dann von der Organisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) fortgesetzt worden waren, hat McDonald‘s begonnen Zugeständnisse zu machen: Künftig wird McDonald’s seine Fleisch -Lieferanten anhalten höhere Standards in Schlachthäusern einzuhalten, und Eierlieferanten müssen ihren Legehennen im Käfig zumindest 400 Quadratzentimeter Platz lassen- das ist zwar eine Verbesserung von 50% für die meisten amerikanischen Legehennen, bringt den Standard aber gerade erst auf das Niveau, das in Europa bald schon wieder der Vergangenheit angehört. Die Ketten BURGER KING und WENDY’s sind dem Beispiel McDONALD’s gefolgt. Das sind die ersten Hoffnungsschimmer für amerikanische Nutztiere seit Beginn der Tierrechtsbewegung.
Einen weiteren, noch größeren Erfolg ergab letzten November eine neue Taktik, die legislative Blockade zu umgehen: das Volksbegehren. Mit Unterstützung einer Reihe nationaler Tierschutzorganisationen gelang es Tierrechtsaktivisten in Florida 690.000 Stimmen für eine Änderung der Landesverfassung zu sammeln, mit der die Verwendung der sogenannten „eisernen Jungfrau“ in der Schweinezucht verboten wird. Das ist ein enger Käfig, in dem schwangere Tiere derart immobilisiert werden, daß sie sich nicht einmal umdrehen können. Verfassungsänderungen sind die einzige Methode, wie Bürger in Florida direkten Einfluß auf die Gesetzgebung nehmen können. Gegner der Verfassungsänderung vermieden es klarerweise zu behaupten, daß Schweine kein Bedürfnis hätten, sich umzudrehen oder sich zu bewegen; ihr Argument war vielmehr, daß Bestimmungen zur Schweinehaltung in der Landesverfassung nichts verloren hätten. Trotzdem stimmten 55% zu 45% der abgegebenen Stimmen der Änderung zu und machten Florida damit zum ersten Staat in den USA der eine bestimmte Art von Nutztierhaltung verbot. Obwohl Florida nur wenige Tierfabriken von Schweinen hat, so ist dies doch ein deutliches Zeichen, daß der Grund für die Rückständigkeit in der amerikanischen Tierschutzgesetzgebung nicht Hartherzigkeit oder mangelnde Anteilnahme ist, sondern ein demokratiepolitisches Defizit des Systems.

4.

Mein ursprünglicher Artikel in der NEW YORK REVIEW OF BOOKS endete mit einem Absatz, der die Herausforderung der Tierrechtsbewegung mit einem Prüfstein der Menschlichkeit verglich:

„Kann eine nur auf Moral basierende Forderung wie diese Erfolg haben? Die Chancen stehen bestimmt nicht allzu gut. Das Buch (Animals, Men and Morals) macht keine Illusionen. Es behauptet nicht, daß wir ohne Ausbeutung von Tieren gesünder oder glücklicher würden. Die Befreiung der Tiere wird einen höheren Anspruch an Altruismus stellen als jede andere Befreiungsbewegung, weil Tiere sie nicht für sich selbst einfordern können; sie können gegen ihre Behandlung weder protestieren noch Bomben werfen. Ist der Mensch zu solch einem echten Altruismus fähig? Wer weiß? Wenn dieses Buch eine Wirkung hat, dann wird es all diejenigen bestätigen, die schon bisher der Meinung waren, daß im Menschen mehr steckt, als nur Grausamkeit und Egoismus.”

Wie sieht es nun aus heutiger Sicht aus? Sowohl Optimisten als auch Zyniker der menschlichen Natur können ihre Meinung bestätigt finden. Fortschritte wurden sowohl im Bereich von Tierexperimenten als auch in anderen Bereichen der Tierausbeutung erzielt. In Europa beginnen ganze Wirtschaftszweige unter dem Druck einer Tierschutz interessierten Öffentlichkeit eine langsame Transformation. Einer der wichtigsten Punkte auf der Habenseite für die Optimisten sind wahrscheinlich die Millionen von Tierrechtsaktivisten, die ihre Zeit und Geld in den Dienst der Tierrechtsbewegung stellen, und dabei häufig sowohl ihre Ernährung als auch ihre Lebensweise umstellen, um den Mißbrauch von Tieren nicht mehr zu unterstützen. Vegetarismus und sogar Veganismus (Vermeidung aller tierlichen Produkte) sind in Amerika und Europa weit mehr verbreitet, als sie es vor dreißig Jahren waren, und auch wenn es schwer zu differenzieren ist, wieviel davon auf ethische Motive zurück zu führen ist, so ist es doch bestimmt ein beträchtlicher Teil.
Auf der anderen Seite, und ungeachtet des grundsätzlich positiven Tenors in der philosophischen Debatte über den moralischen Status von Tieren, ist die allgemeine Bevölkerung doch noch meilenweit davon entfernt zu akzeptieren, daß vergleichbare Interessen verschiedener Lebewesen auch ähnliche Berücksichtigung finden sollen, unabhängig welcher Spezies sie angehören. Die meisten Menschen essen noch immer Fleisch und kaufen Produkte nur nach dem billigsten Preis, ohne sich bewußt zu sein, welches Leid sie dadurch erzeugen. Die Anzahl der getöteten Nutztiere ist heute deutlich höher als vor dreißig Jahren, und die zunehmende Prosperität Ostasiens erzeugt weiter eine massiv steigende Nachfrage nach Fleisch. Gleichzeitig unterminieren die strengen Regeln der Welthandelsorganisation die Tierschutz -Bestimmungen in den entwickelten Ländern, indem sie es unmöglich machen, Importe aus Ländern mit niedrigeren Standards zu verbieten. Zusammenfassend scheint es, als wären wir als Spezies zwar zu einer altruistischen Haltung gegenüber anderen Lebewesen fähig, Informationsdefizite, mächtige Interessengruppen und eine Tendenz, unangenehmen Tatsachen nicht in die Augen zu schauen, haben die Fortschritte der Tierrechtsbewegung allerdings doch wesentlich behindert.

Erschienen in THE NEW YORK REVIEW OF BOOKS, 15.Mai 2003
Übersetzung aus dem Englischen: T.Winger